Religion und Demokratie – Wie passt das zusammen?
Ulrich Hemel, der Boss vom Weltethos-Institut in Tübingen (ne Art Think-Tank mit dem Ziel, Werte und Vertrauen in Wirtschaft und Gesellschaft zu pushen), erklärt, wie Religionsgemeinschaften in einer Demokratie abhängen können und warum es mega wichtig ist. Er redet auch drüber, was passieren würde, wenn es an öffentlichen Schulen keinen Religionsunterricht mehr gäbe.
«Diversität ist zwar nicht immer, aber doch in vielen
Fällen eine echte Bereicherung. Auch für Liechtenstein und seine Bürger
und Bürgerinnen!»
Was meint er mit demokratiefähiger Religion?
Ulrich Hemel: Die meisten Religionen sind älter als Demokratien. Sie haben ihre eigene Art der Weltsicht und der internen Organisation. Aber sie müssen mit den Game-Rules in einer Demokratie klarkommen. Dazu zählt auch die Einhaltung der Menschenrechte. Grausame Praktiken wie die Steinigung von Ehebrecherinnen, die Todesstrafe oder die Genitalverstümmelung von Frauen sind No-Gos. Eine demokratiefähige Religion darf solche Praktiken nicht tolerieren, sonst ist sie in der modernen Welt nicht angekommen.
Was macht eine Demokratiefähige Religion aus?
Religionsgemeinschaften und Kirchen müssen sich im gesellschaftlichen Diskurs einbringen und ihre Positionen vertreten. Aber das heißt nicht, dass sie der Politik sagen können, was sie tun soll. Es gibt da kein Primat der Religion vor der Politik mehr. Umgekehrt sind Religionsgemeinschaften und Kirchen aufgefordert, ihre Positionen zu vertreten und an der menschenfreundlichen Gestaltung der Gesellschaft mitzuwirken.
Wie sieht es mit einer Änderung des Religionsgemeinschaftengesetzes aus?
Liechtenstein ist einer dieser kleinen Staaten in Europa, die oft länger an ihren Traditionen festhalten. Manchmal ist eine Modernisierung aber sinnvoll. Dazu gehört auch Religionsfreiheit und religiöse Toleranz, auch für agnostische und atheistische Personen. Hierfür wurde auf dem II. Vatikanischen Konzil das Dokument Aetate Nostra erstellt. Es besagt, dass jeder Mensch das Recht auf Irrtum hat. Religionen stimmen ja nicht überein und sie werden immer von Menschen interpretiert, deren Verstand endlich und beschränkt ist.
Was genau bedeutet das?
Auch wenn eine bestimmte Religion eine besondere Rolle spielt in einem Land, gilt ein Diskriminierungsverbot gegenüber anderen Religionen. Konkret bedeutet das, dass jeder das Recht auf religiöse Veränderung und auf eine gemeinsame Religionspraxis hat, auch im öffentlichen Raum.
Was spricht gegen diese Änderung?
Jede Änderung ist anstrengend und zieht Diskussionen nach sich. Manche befürchten, dass es um eine Aufweichung von eigenen Standpunkten geht. Das muss aber nicht sein, denn zur demokratiefähigen Religion gehört auch eine religionsfähige Demokratie.
Was meint er damit?
Eine Gesellschaft muss lernen, mit verschiedenen Weltentwürfen umzugehen. Sie muss Religionen einen eigenen Standpunkt und eine eigene Perspektive auf die Welt zugestehen, aber auch dafür sorgen, dass Religionsfreiheit für alle gilt.
Wie steht er zum Religionsunterricht an öffentlichen Schulen?
Religion prägt auch das gesellschaftliche Leben. Und so wie wir Sprachen lernen, brauchen wir auch einen religiösen Grundwortschatz. Sonst checken wir gar nicht, worum es geht. Die Schule ist dafür der richtige Ort. Heutiger Religionsunterricht soll einen Zugang eröffnen und Verständnis schaffen für religiöse Realität, aber mit Respekt vor dem persönlichen Lebensweg von Schülern und Schülerinnen.
Wie sieht es mit einer religionsdiversen Demokratie in der Zukunft aus?
Ulrich Hemel hält das bisherige Modell für besser. Religion ist nicht nur Privatsache. Selbst wenn jemand sich von seiner Religion distanziert, muss er sie kennen. Und da in vielen Elternhäusern heute eine große religiöse Sprachlosigkeit herrscht, ist die öffentliche Schule sehr wohl dazu aufgerufen, den großen Lebensbereich der Religion auch ausdrücklich und differenziert zu behandeln.
Wie viel Toleranz kann sich ein kleines Land wie Liechtenstein leisten?
Toleranz hat dort eine Grenze, wo sie der Intoleranz großen Raum gewährt. Liechtenstein wird und muss sich weiterhin gegen religiöse Intoleranz engagieren. Was Menschen denken und leben, das ist ihre eigene Sache. Toleranz darf aber nicht missbraucht werden im Sinn von Nachlässigkeit, Sorglosigkeit oder ängstlichem Laissez-Faire.
Ein Beispiel dafür?
Das gilt etwa für die Lebensentwürfe junger Menschen, besonders von jungen Frauen, die oft unter Druck gesetzt werden. Hier müssen demokratische Grundrechte Vorrang haben vor frauenfeindlichen religiösen Vorstellungen, die es noch gibt, die aber nach seiner Meinung in keiner der Weltreligionen allgemeingültig sind oder Allgemeingültigkeit verdienen.
Sollte das Volk über eine Änderung des Religionsgemeinschaftsgesetz abstimmen?
Es ist nicht seine Sache, den Menschen in Liechtenstein zu sagen, wie sie abstimmen sollten. Aber er setzt sich selbst für eine zeitgemäße Form demokratiefähiger Religion und religionsfähiger Demokratie in guter religiöser und weltanschaulicher Praxis ein.
Warum macht er das?
Weil jeder von uns das Recht auf eine eigene Perspektive hat, ganz allgemein und auch in religiösen Fragen. Diese Perspektive mit der Wahrnehmung und Wertschätzung der Denkweise und Perspektive des und der anderen zu verknüpfen, bleibt eine lebenslange und auch spannende Aufgabe. Diversität ist zwar nicht immer, aber doch in vielen Fällen eine echte Bereicherung. Auch für Liechtenstein und seine Bürgerinnen und Bürger!
Der Vortrag zum Thema «Demokratiefähige Religion – geht das?» mit Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel, findet am 28. Februar 2024 um 19 Uhr im Haus Gutenberg in Balzers statt. Es wird um Anmeldung erbeten, der Beitrag beträgt 20 Franken (Abendkasse).
